"Aber mein Freund, man macht keine Omelettes, ohne zuvor die Eier aufzuschlagen!"
Mit diesen Worten wurde Henry
Dunant im kaiserlichen Quartier von Napoleon III empfangen, als er sich
über die Nachlässigkeit gegenüber den Verwundeten auf dem
Schlachtfeld erregte. Frankreich und Italien führten Krieg gegen Österreich,
und gerade war die Schlacht zu Solferino zu Ende gegangen; überall
auf dem Felde lagen stöhnend Verwundete, rot von Blut und vor Schmerz
schier wahnsinnig. Für den Generalstab ein alltäglicher Anblick.
Nicht einmal der Gnadenschuss wurde diesen menschlichen "Wegwerfartikeln"
gewährt, geschweige denn ärztliche Unterstützung: Fachpersonal
war kaum vorhanden, ebenso wenig gab es medizinische Ausrüstung, Medikamente
und Betäubungsmittel. Und nun verlangte ein dahergelaufener Genfer
sogar, dass die Feinde behandelt werden sollten? Das war doch allerhand.
Dennoch tat Henry Dunant sein Bestes, um den Verwundeten Hilfe zukommen
zu lassen. Bald fanden sich Mitstreiter, sowohl Frauen als auch Männer
stellten sich in seinen Dienst. Ja sogar Kinder verausgabten sich für
die Verletzten. An jenem Junitag des Jahres 1859 wurde die Idee einer Gesellschaft
für die Unterstützung von Verwundeten geboren. Daraus sollte
zehn Jahre später das Rote Kreuz hervorgehen.
Als die Opfer des Kampfes einigermaßen
verpflegt waren, machte sich Dunant nach Paris auf, wo er über sein
Erlebnis berichtete. Danach kehrte er in seine Heimatstadt Genf zurück,
um das erfolgreiche Buch "Erinnerung an Solferino" zu schreiben. Seine
Schilderungen fanden sehr guten Anklang und verschafften ihm viel Sympathie
in der Oberschicht. Ermutigt durch den Widerhall seiner Memoiren, begann
der Schweizer, in den Hauptstädten Europas für seine Idee zu
werben. Mit Erfolg: Auf sein Drängen hin lud die Schweizer Bundesregierung
1863 25 Staaten zu einer ersten diplomatischen Konferenz ein, um eine Vereinbarung
über die Hilfe für Kriegsverwundete zu treffen. Am 22. August
1864 unterzeichneten die Delegierten aus 16 Nationen die "Genfer-Konvention"
zur "Verbesserung des Schicksals der Kriegsverwundeten im Felddienst".
Das Rote Kreuz war geboren.
Obwohl die Genfer Konvention nicht
immer eingehalten, sondern des öfteren, zum Beispiel während
des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, missachtet wurde,
entwickelte sich das Rote Kreuz fortwährend weiter. Der Kreis der
Hilfe bedürftigen Menschen wurde ständig erweitert: 1899, bzw.
1907 wurde ein Abkommen über den Seekrieg, 1929 ein Vertrag über
die Behandlung der Kriegsgefangenen geschlossen. Letzterem traten bis 1939
45 Staaten bei. Von besonderer Wichtigkeit ist aber auch das IV. Genfer
Abkommen von 1949 zum Schutz der Zivilpersonen im Kriegsfall. Im Bewusstsein
der unsagbaren Leiden der Bevölkerung während des erst kürzlich
zu Ende gegangenen II. Weltkrieges wurde diese Konvention allgemein anerkannt.
Im selben Jahr erlebte das Rote Kreuz seine zweite Geburt: Das gesamte
Genfer Recht wurde in 4 Verträgen neu formuliert.
Nach dem Beitritt von 165 Staaten der Erde, darunter die USA, Russland und die Volksrepublik China, stellt das
Genfer Rotkreuz-Abkommen das umfassendste Vertragswerk des Völkerrechts
dar. Die Bundesrepublik Deutschland trat 1954 bei.
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